Geschichte der Ausbildungsinstitute

  L`atelier des flûtes

 Flötenschule

„La tabatière à joujoux musicale“

 

Mitglied des Deutschen Tonkünstlerbundes e.V.

 

 

Geschichte

der Fachakademie für Musik beim

Moskauer Tschaikowsky-Konservatorium


Heute gibt es wahrscheinlich keinen russischen Musiker, der die Musikfachschule beim Moskauer Tschaikowsky-Konservatorium nicht kennt. Ihre Schüler nennen sich mit Stolz „Mersljakowzy“. Im Laufe des ganzen Lebens erinnern sie sich an die Jahre des Studiums als an die Zeit interessanter Entdeckungen, schöpferischer Leistungen und Begegnungen mit großen Meistern der Musikkultur. Gerade diese vier in der Mersljakowsky-Gasse verbrachten Jahre ebnen ihnen den Weg in die große Kunst. Zahlreiche Absolventen der Musikfachschule arbeiten in verschiedenen Ecken und Enden unseres Landes, einige von ihnen sind nicht nur in der Heimat, sondern auch im Ausland weit und breit bekannt. Die Musikfachschule beim Konservatorium zu beziehen, ist der Wunsch vieler junger Menschen, die Musiker werden wollen.


Die Hälfte der ihrer Lehrkräfte hat einen akademischen Grad oder den Ehrentitel eines Wissenschaftlers oder den eines Preisträgers internationalen Wettbewerbe ausübender Künstler. Ein großes Verdienst um die Organisierung und Vervollkommnung des Erziehungsprozesses in der Musikfachschule hat ihr Direktor, L.L. Artynowa, die schon sehr lange an der Spitze dieser Akademie steht. Die methodische Erfahrung der hochqualifizierten Lehrkräfte ist von hohem Wert, und in der Musikfachschule wird diese Erfahrung ständig systematisiert. Das äußert sich oft in neuen Lehrplänen und Programmen, in methodischen Ausarbeitungen und Lehrmitteln.


Die Konzertpraxis der Musikfachschule beschränkt sich nicht nur auf schulische Arbeit. In der beruflichen und moralischen Erziehung der jungen Musikergeneration spielen die Patenschaftskonzerte eine große Rolle. Die Schüler der Musikfachschule geben jährlich über 50 solcher Konzerte. Ein besonderer Stolz der Musikfachschule ist ihr sinfonisches Orchester, Es scheint fast unmöglich, von einer aus jungen Musikern im Alter von 16 bis 19 Jahren bestehenden Körperschaft, die alljährlich 1/3 ihres Bestandes erneuert, viel zu erwarten. Aber das wunderbare Gefühl, das jeden Orchestermusiker beseelt, die immer gleichbleibende Strenge des Dirigenten schaffen jedes Jahr einen eigentlich neuen und doch ausgewogenen Klangkörper. Schon im Jahre 1957 trat er während der II. Internationalen Festspiele der Jugend und Studenten in Moskau auf. Später vertrat er unter anderem die Sowjetunion in der IX. ISME-Konferenz.


Aber den größten Erfolg und internationale Anerkennung brachte ihm das Auftreten im repräsentativen Jugendorchester-Wettbewerb „Herbert-von-Karajan-Stiftung“ in Westberlin, wo das sinfonische Orchester unter der Leutng des jungen dirigenten L. Nikolajew den ersten Platz errungen hat. Sein Programm bestand aus schwierigen Werken, die große Erfahrung und ein gutes Zusammenspiel erfordern: die Ouvertüre zur Oper von D. Rossini „Die diebische Elster“, die IV. Sinfonie von P. I. Tscaikowsky, die Ouvertüre zur Oper „Freischütz“ von C. M. Weber, die IV. Sinfonie von D.Schostakowitsch. Von dem Erfolg des Auftretens zeugt schon die Tatsache, daß gegen alle Regeln, zum ersten Mal in der Geschichte der Wettbewerbe, die Ouvertüre von D. Rossini noch einmal als Zugabe vorgetragen wurde; ein Drittel des zusammengestellten Orchesters, das am letzten tag unter der Leitung H. v. Karajans selbst auftrat, bestritten sowjetische Künstler, dabei war die Bläsergruppe nur von den Musikern der Musikfachschule vertreten. Nach dem Wettbewerb schrieb eine Westberliner Zeitung mit Begeisterung: „Die Jugendkonzerte haben die Meinung bestätigt, daß in Rußland solche Nachwuchskünstler erzogen werden, denen sich die junge Generation des Westens in Virtuosität und Niveau nicht messen kann."


Die Geschichte dieses Instituts begann ganz alltäglich und einfach:

Am 12. Oktober 1891 wurde von W. Ju. Sograf-Plaksina in Moskau am Nikitsky Boulevard 45 (heute: Suworowsky Boulevard 5) eine „Musikfachschule für alle“ eröffnet. Es gab hier zwölf Lehrer, etwa zwanzig Schüler und drei Abteilungen: für Lavier, Streichinstrumente und Gesang. Von der heutigen Warte aus betrachtet, kann dieses Ereignis ziemlich bescheiden erscheinen, aber die Zeit zeigt manchmal das wirkliche Maß in falschem Licht. Wenn man bedenkt, wie es damals um die musikalische Ausbildung in Rußland stand, so ändert sich die Meinung darüber ganz erheblich. Es ist bekannt, daß etwas früher, im Jahre 1879, das Petersburger Konservatorium sich nicht mehr im Stande sah, die finanziellen Lasten zu tragen und sich deshalb gezwungen sah, eine „Gesellschaft zur Unterstützung der Schüler“ zu gründen. Aber auch diese war zu Anfang des 20. Jahrhunderts ruiniert. Der bekannte Kritiker A. W. Ossowsky schrieb in voller Verzweiflung: „Not, grausame Not! Etwa 40 % der Zöglinge unseres Konservatoriums haben keine Mittel, das Studium zu bezahlen, keine Mittel für ihren privaten Lebensunterhalt.“


Die von der Absolventin der pädagogischen Fakultät des Moskauer Konservatoriums W. Ju. Sograf-Plaksina eröffnete Akademie war auf einer ganz anderen Grundlage aufgebaut. Man mußte viel Mut besitzen, die große Wichtigkeit der musikalischen Ausbildung zu verstehen, um mit so bescheidenen Mitteln eine allen zugängliche Musikfachschule zu gründen. Außerordentliche organisatorische Fähigkeiten, grenzenlose Liebe zur Musik und zur Lehrtätigkeit erlaubten der jungen Lehrerin, führende Künstler, Regisseure des Bolschoi-Theaters und talentvolle Jugend aus dem Konservatorium zur Arbeit in der Musikfachschule heranzuziehen. Eine große Unterstützung ließ der große russische Komponist, Professor des Moskauer Konservatoriums, S. I. Tanehev (Schüler und Nachfolger von P. Tschaikowsky) der Akademie angedeihen.


Mit der Oktoberrevolution begann eine neue Epoche der russischen Geschichte. Groß war ihre Auswirkung auf die Musikkultur. Das Leninsche Dekret von 1919 über „den Übergang des Petrograder und des Moskauer Konservatoriums in die Befügnis des Kommissariats für Volksbildung“ bildete die Grundlage eines für Rußland ganz neuen staatlichen Systems der beruflichen musikalischen Ausbildung. Zusammen mit den führenden Musiklehranstalten des Landes wurde auch „die allen zugängliche Musikfachschule“ Eigentum für alle.


Die Revolution hat die Arbeit des Instituts qualitativ verändert. Schon in den zwanziger Jahren vergrößerte sich die Anzahl der Lehrfächer, es wurde die Abteilung für Theorie und Komposition (oder wie man sie früher nannte: die schöpferische Abteilung) eröffnet, man organisierte eine Abteilung für Blasinstrumente, es wurde auch ein sinfonisches Orchester geschaffen. Es ist zu bewundern, mit welcher Begeisterung die Lehrkräfte unter den schweren Bedingungen in dieser Zeit arbeiteten. In der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre betrug die Zahl der akademischen Abende, wo die Schüler auftraten, über 600 pro Jahr! Ständig stiegen die Anforderungen im Hauptfach. Hier ist z. B. das Programm von A. Sybzew, der das Technikum im Jahre 1923 absolvierte:

1. Bach – Tausig. Orgeltoccate.

2. Beethoven. 32 Variationen.

3. Chopin. Ballade in F-Dur.

4. Skrjabin. 2 Präludien (op. 74 Nr. 3 und op. 48 Nr. 4)

5. Debussy. L’Isle joyeuse.

6. Liszt. Konzert in Es-Dur.

Natürlich konnte nicht jeder ein solches Programm bewältigen, aber sechs Werke verschiedener Gattungen und Epochen, die allseitig die spielerischen Möglichkeiten des Schülers zeigten, stehen praktisch in allen Abschlußprogrammen der damaligen Zeit.


Das wichtigste Ereignis im Leben der Schule war ihr Anschluß an das Moskauer Konservatorium im Jahre 1934. Vom Niveau der Arbeit gibt schon allein das Namensverzeichnis einen Eindruck: S. N. Wassilenko, W. R. Willschau, G. und J. Ginsburg, A. B. Goldenweiser, D. B. Kabalewsky, S. M. Kosolupow, A. F. Mutly, W. Spossobin, W. S. Chwostenko, M. I. Jampolsky. Diese Aufzählung ist eine bei weitem nicht vollständige Aufzählung der großen Musiker, die ihre Kenntnisse den Schülern vermittelten. Die Lehrer sind bekannte Komponisten und Musiktheoretiker, deren Werke und Bücher heute noch in ihrer Aktualität nichts verloren haben.


In den dreißiger Jahren wurden zur Arbeit am Technikum die führenden Professoren eingeladen. Im Jahre 1940 arbeiteten von 150 Pädagogen 79 an der Hochschule. Ein eigenartiges Praktikum durchliefen an der Musikfachschule, so hieß das Technikum 1936, fast alle jungen Theoretiker und talentvolle ausübende Künstler; viele von ihnen wurden später führende Pädagogen am Moskauer Konservatorium, bekannte Interpreten und Musikforscher. Die Verbindung von Weisheit und Erfahrung mit der rastlosen Energie der Jugend war die feste Grundlage für eine ständige Vervollkommnung der Arbeit der Musikfachschule. Es ist kein Zufall, daß in der zweiten Hälfte der 30-er Jahre ihre Absolventen den Hauptbestandteil der Studenten des Konservatoriums bildeten.


Ende der 30-er Jahre wurde die Musikfachschule zu einem der führenden methodischen Zentren der Sowjetunion in der musikalischen Elementar- und Mittelschulbildung.


1941 hatte die Musikfachschule über 2000 hochqualifizierte Berufskünstler vorbereitet. Die Jubiläumsfestlichkeiten versprachen zu einer beeindruckenden Leistungsschau der Akademie zu werden, die die Entwicklung der sowjetischen Musikkultur anschaulich widerspiegelte.


Es kam jedoch alles anders. Der zweite Weltkrieg begann. Im Oktober 1941 wurde das Moskauer Konservatorium nach Saratow evakuiert. Die Musikfachschule blieb in Moskau. Auch während der schwierigen Kriegsjahre wurde die Arbeit an der Musikfachschule pausenlos weitergeführt: der Unterricht verlief planmäßig, das Repertoire für die Patenschaftsbrigaden wurde gewählt, neue Lehrpläne für die Musikfachschulen des Landes aufgestellt. Viele methodischen Ideen jener zeit haben später in wertvollen Lehrbüchern ihren Niederschlag gefunden, die auch jetzt ihre Aktualität nicht verloren haben, z. B. „Ausländische Musikliteratur“ von W. S. Galazkaja, „Musikform“ von I. W. Spossobin, „Instrumentenlehre“ von D. A. Blum.


Die neue Zeit stellt neue Aufgaben. Das hohe wissenschaftliche Niveau der Musikfachschule, ihre enge Verbindung mit der führenden Hochschule für Musik, dem Moskauer Konservatorium, trugen wesentlich zur ständigen Vervollkommnung der schöpferischen und erzieherischen Arbeit bei.


Komplizierte Programme der Rechenschaftskonzerte der Musikfachschule, die einige Male im Jahr im Großen, Saal des Konservatoriums veranstaltet werden, zeugen deutlich von dem Wachstum der Solo- und Ensemblemeisterschaft ihrer Schüler.


Immer mehr findet man darunter thematische Abende: die Spielpläne laden ein, die Interpretation der jungen Musiker aller Klaviersonaten und Konzerte von S. S. Prokofjew, den Vortrag aller Werke für Horn von W. A. Mozart kennenzulernen.


Die Zöglinge der Musikfachschule zeigen nicht hur große Leistungen bei der Interpretation virtuoser Werke der Klassik, sondern eignen sich auch neue, noch nicht aufgeführte Werke der sowjetischen Komponisten an.


In der Nachkriegsperiode ist es schon zur Tradition geworden, Konzerte aus Werken ehemaliger Kompositionsschüler der Musikfachschule zu organisieren. Diese eigenartigen beeindruckenden Rechenschaftsberichte zeugen sehr deutlich von dem Beitrag der Musikfachschule zu der Entwicklung der sowjetischen Kompositionsschule.


Die führenden Komponisten vertrauen ihren Schülern ihre neuen Werke an: „Das pathetische Oratorium“ von W. Swiridow, das zweite Klavierkonzert von T. Chrennikow, das erste Cellokonzert von D. Kabalewsky, die Suite aus dem Ballett von A. Chatschaturjan „Gajane“. Einige weltbekannte Komponisten haben speziell für die jungen Musiker der Musikfachschule große sinfonische und oratorial-kantatenhafte Werke geschaffen.


Das hohe künstlerische Niveau der Schüler der Musikfachschule beim Moskauer Konservatorium öffnet ihnen die Türen der besten Konzertsäle der Hauptstadt. Die Solisten- und Schülerensembles treten in verantwortungsvollen Konzerten in Rundfunk- und Fernsehsendungen auf. Mehrmals hatten sie die Ehre, im Kremelpalast aufzutreten.


Von der besten Seite zeigten sie sich auf dem internationalen jugendlichen Konzertpodium. Die jungen Musiker wurden mit Begeisterung in Budapest, Rom, Florenz, Bologna, Mailand begrüßt, einige Schülergruppen traten mit Konzerten in vielen Städten Jugoslawiens, Australiens und der Mongolei auf. Ensembles und Solisten der Musikfachschule vertraten mehrmals Rußland auf internationalen Foren.


Die Arbeit der Lehrkräfte der Musikfachschule beim Moskauer Staatlichen Tschaikowsky-Konservatorium ruft ständig großes Interesse der Fachleute hervor. Alljährlich kommen Dutzende von Lehrern aus verschiedenen Städten der GUS-Staaten. Es ist schon gesetzmäßig, daß auf der Basis der Musikfachschule das Ministerium für Kultur die Seminare zur Weiterbildung der Musikfachschullehrer des Landes organisiert hat.


Der Ruf der Musikfachschule beim Konservatorium hat sich über die Grenze Rußlands hinaus verbreitet. Seit Ende der 60er Jahre waren hier Delegationen aus mehr als 20 Ländern.


Dank des hohen Niveaus der beruflichen Ausbildung zieht die Musikfachschule junge Musiker auch aus dem Ausland an. Viele von den ausländischen Schülern haben individuelle Stunden, sie arbeiten nach einem besonderen Plan. Das alles erlaubt ihnen, die Sprachschwierigkeiten und den Unterschied im Vorbereitungsniveau zu überwinden. Dadurch wurde übrigens der Ruf und die Bekanntschaft der Musikfachschule im Ausland immer größer und bedeutender.


Ein ständiges Interesse bei der gesamten Musikfachschule ruft das alljährliche Konzert der ausländischen Schüler hervor, das mit kostbaren Werken der Musikkultur verschiedener Länder der Welt bekanntmacht.


Rußland verhalf dem Konservatorium eine feste materielle Grundlage für ihre Arbeit zu schaffen. Heute hat sie, eine der führenden Fachschulen des Ministeriums für Kultur, zwei Unterrichtsgebäude, wo die Firma „Sauer“ zwei Orgeln aufgestellt hat. Es gibt auch Klassenzimmer, wo man Musikwerke hören kann, dann auch zahlreiche Auditorien für allgemeinbildende Fächer, ein großes Studentenheim. In jedem Unterrichtsraum hat man Flügel von Steinway oder Bechstein. In der Phonothek der Musikfachschule gibt es fast 1500 Aufnahmen. Die Bibliothek besitzt über 50000 Exemplare Musikalien und Bücher.